Neuer Wolf NachweisAm 27. August 2018 wurden bei Immenstadt drei Schafe tot aufgefunden und den Behörden gemeldet. Experten waren umgehend vor Ort, haben den Vorfall dokumentiert und genetische Proben genommen. Die Tiere wurden anschließend für eine veterinärmedizinische Untersuchung abgeholt, deren Ergebnisse nun vorliegen: Die Spuren deuten auf einen großen Kaniden als Verursacher, was den Wolfsverdacht erhärtet. Weitere Erkenntnisse soll die Analyse der genetischen Spuren am nationalen Referenzlabor bringen. Ein am 29.8.2018 im Internet veröffentlichtes Foto mit einem wolfartigen Tier wurde von Experten als Wolf identifiziert. Das Foto entstand nach Angaben im Internet bei einer Bergtour südlich von Bad Hindelang.

Nachfolgend der aktuelle Stand der Maßnahmen in Bayern sowie ein Blick in Nachbarländer:

(1) Aktionsplan Wolf der Bayerischen Staatsregierung

Die Sicherheit der Menschen hat oberste Priorität. Trotz internationalem Schutzstatus können nach geltender Rechtslage verhaltensauffällige Wölfe entnommen werden. Die Bayerische Staatsregierung bekennt sich zu einer flächendeckenden und dauerhaften Weidetierhaltung in Bayern. Um die Gefahr für die Bevölkerung, aber auch für Tiere auf ein Minimum zu reduzieren, soll durch den Bayerischen Aktionsplan Wolf die Größe der Wolfspopulation auf das artenschutzrechtlich Erforderliche begrenzt werden. Die Weidetierhaltung muss auch bei Wolfsanwesenheit ohne unzumutbare Mehraufwendungen flächendeckend und dauerhaft erhalten bleiben.

Die Bayerische Staatsregierung setzt gezielt auf Präventionsmaßnahmen. Experten der Umwelt- und Landwirtschaftsverwaltung werden gemeinsam entscheiden, in welchen Herdenschutzzonen Präventionsmaßnahmen nicht möglich sind. In diesen Fällen ist zukünftig eine Entnahme des Wolfs trotz Artenschutz erlaubt. Zudem soll ein Förderprogramm für Präventionsmaßnahmen in Sachen Herdenschutz eingerichtet werden. Mögliche Schäden durch Wölfe werden auch in Zukunft vollumfänglich durch den Ausgleichsfonds große Beutegreifer ausgeglichen.

(2) Sicht der Naturschutzverbände

Der von der bayerischen Staatsregierung vorgelegte „Aktionsplan Wolf“ wird von mehreren Naturschutzverbänden einhellig abgelehnt. Er soll den Abschuss von Wölfen deutlich erleichtern, konzentriert sich auf Alibi-Maßnahmen für den Schutz von Weidetieren vor Wolfsrissen und steht zudem rechtlich auf äußerst wackligen Beinen.

Die Staatsregierung bereitet mit dem Aktionsplan die Einrichtung von Wolfsabschusszonen vor, die im Plan „nicht schützbare Weidegebiete“ genannt werden. Wie viele es davon geben soll, wie groß sie sein werden und wie sie definiert werden, bleibt zunächst völlig im Dunklen. Die Aussage, dass u.a. die „Zumutbarkeit“ und „technische Realisierbarkeit“ von Herdenschutzmaßnahmen ausschlaggebend sein sollen, lässt für die Wölfe Schlimmstes befürchten. „Das ist kein Aktionsplan, um das Miteinander von Wolf und Weidetierhaltung zu ermöglichen, sondern ein Aktionsplan gegen den Wolf. Im Vordergrund steht nicht das Zusammenleben, sondern die Verhinderung einer Ansiedlung von Wölfen in vielen Gebieten Bayerns: Ein Wolfsmanagement mit dem Gewehr in der Hand statt gutem Herdenschutz und Beratung für die Weidetierhalter lehnen wir ab“, so Richard Mergner, Vorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern e.V.

Beim zentralen Thema für das Management der Rückkehr der Wölfe, einem Förderprogramm für den Schutz der Weidetiere mit Zäunen oder auch Herdenschutzhunden, bleibt der Aktionsplan hinsichtlich Inhalt und Zeitplan absolut unkonkret. Mit diesem weiteren Hinauszögern der Förderung nimmt die Staatsregierung weitere Risse von Weidetieren billigend in Kauf. Dazu Claus Obermeier, Vorstand der Gregor Louisoder Umweltstiftung: „Die Bayerische Staatsregierung war seit vielen Jahren in der Pflicht, eine flächendeckende Förderung von Herdenschutzmaßnahmen und ein professionelles Wolfsmanagement einzurichten und ist an dieser Aufgabe bisher gescheitert. Wir erleben hier ein Politikversagen der amtierenden Staatsregierung auf Kosten von Weidetierhaltung und Wolf in Bayern“.

Zudem ist der Inhalt des Aktionsplans an einigen Stellen mit bestehendem Naturschutzrecht nicht oder kaum vereinbar. Peter Blanché, Vorsitzender der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V., kommentiert: „Mit diesem Plan wird Chaos und Ungewissheit erzeugt, statt ein geordnetes und sinnvolles Management zu ermöglichen. Die rechtliche Fragwürdigkeit des Plans lässt Klagen oder einen Einspruch der EU-Kommission erwarten. Wir sind damit leider keinen Schritt weiter.“ Er mahnt außerdem eine ökonomische Besserstellung der Weidetierhalter an, z.B. mit einer bundesweit eingeführten gekoppelten Weidetierprämie: „Die Staatsregierung betont im Aktionsplan mehrfach, dass sie die Weidetierhaltung, insbesondere in ihren landeskulturell besonders bedeutenden Ausprägungen, erhalten will. Dann sollte sie sich zunächst einmal Gedanken machen, warum z.B. die Zahl der Schafe und schafhaltenden Betriebe in den letzten zehn Jahren um ca. 15% zurückgegangen ist – auch ganz ohne Wolf.“

Die Verbände fordern eine sofortige grundlegende Überarbeitung des Aktionsplans und dabei die Berücksichtigung der folgenden Punkte:

  • Die Kriterien für den Abschuss von Wölfen müssen mit EU-Recht vereinbar sein. Einen „Abschuss auf Verdacht“, den sogenannten Präventionsschuss darf es demgemäß nicht geben.
  • Grundlage für den Abschuss eines Wolfes darf alleine eine artenschutzrechtliche Einzelfallprüfung sein. Dieses Vorgehen ist ausreichend, um sogenannte Schadwölfe oder futterkonditionierte Wölfe, bei denen die Gefahr der Verletzung eines Menschen gegeben ist, zu töten. Es wird von den Naturschutzverbänden als Ultima Ratio im Wolfsmanagement befürwortet.
  • Die Ausarbeitung der Förderrichtlinie für den Herdenschutz und die dementsprechende Mittelausstattung muss zeitnah erfolgen. Dabei muss die Förderung alle investiven und laufenden Zusatzkosten inkl. Arbeitskosten für die Weidetierhalter so unbürokratisch wie möglich abdecken.

Aus diesen Forderungen ergibt sich auch, dass eine Obergrenze für die Anzahl der Wölfe in Bayern und Deutschland klar abzulehnen ist, zumal sie für den Schutz von Weidetieren nicht zielführend ist.

(3) Fachgerechter Herdenschutz in Nordthein-Westfalen

Nordrhein-Westfalen ist ein Wolfserwartungsland, d.h. bisher hat sich hier kein Rudel niedergelassen. Allerdings hat sich die Zahl der durchziehenden Wölfe in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Da auch diese zu Verlusten in der Weidetierhaltung führen können, stellt präventiver Herdenschutz die beste Vorbereitung der Weidetierhalter auf die Anwesenheit von Wölfen dar. „Guter Herdenschutz hilft nicht nur Weidetiere vor dem Wolf zu schützen, er erhöht auch die Akzeptanz der Weidetierhalter für die Anwesenheit von Wölfen“, erklärt Thomas Pusch, Sprecher des Landesfachausschusses (LFA) Wolf im NABU NRW. Beides sei im Interesse des NABU.

Damit zukünftig ein Miteinander von Wolf, Nutztier und Mensch möglichst konfliktfrei gelingt, setzt der NABU sich schon seit längerem für einen intensiven Dialog mit Nutztierhaltern, Politikern, Jägern und weiteren Interessierten und Betroffenen ein. Zur Unterstützung dieses Prozesses hat der NABU zusammen mit dem LFA Wolf neben dem Herdenschutztag in diesem Jahr den Stiftungsfonds ´Rückkehr des Wolfes´ gegründet. „Denn trotz Schutzmaßnahmen kann es auch zukünftig zu Verlusten kommen“, so der NABU-Wolfsexperte. Das Land stelle zwar Entschädigungen im nachgewiesenen Schadensfall bereit, finanzielle Unterstützung für Präventionsmaßnahmen gebe es aber erst nach Ausweisung eines Wolfsgebietes mit stationärem Wolfsrudel oder territorialem Einzeltier. Weidetierhalter, die bereits zum jetzigen Zeitpunkt in Nordrhein-Westfalen Präventionsmaßnahmen umsetzen wollen, gingen dagegen leer aus. Hier bietet der NABU NRW gemeinsam mit seiner Stiftung Naturerbe NRW und dem neuen Fonds zukünftig unkompliziert Hilfe an. Pusch: „Aus anderen europäischen Ländern wissen wir, dass ein Miteinander von Mensch, Wolf und Nutztier möglich ist. Dass dies nach 150 Jahren auch wieder in NRW gelingt, ist unser vorrangiges Ziel.“

(4) Südtirol erprobt Zäune

Auf der Kirchbergalm im Südtiroler Ultental direkt an der Grenze zum Trentino verzeichnete man im vergangenen Jahr rund 40 vom Wolf gerissene Schafe. Nun werden dort erstmals Herdenschutzmaßnahmen erprobt. Die kürzlich im Land Tirol eingerichtete Steuerungsgruppe Herdenschutz und große Beutegreifer hat sich vor Ort informiert. „Wir setzen beim Thema große Beutegreifer und Herdenschutz auf Erfahrungsaustausch und einen gemeinsamen Weg“, bedankte sich LHStv Josef Geisler bei seinem Südtiroler Amtskollegen LR Arno Schuler anlässlich des Lokalaugenscheins. Denn von den natürlichen Gegebenheiten wie auch von der Struktur der Almwirtschaft ähneln sich Tirol und Südtirol in wesentlichen Bereichen. Sind in Nord- und Osttirol aber bislang nur einzelne Wölfe durchgezogen, steht der Wolf in Südtirol bereits in der Tür. In Nonsberg, in rund 30 Kilometer Entfernung zur Kirchbergalm, lebt bereits ein Wolfsrudel. 200 Kilometer weiter in der Schweiz zählt man ebenfalls zwei Wolfsrudel. Und alleine in Italien gibt es über 2.000 Wölfe.

Doch das Gelände macht den Schutz schwierig. 700 Schafe und Ziegen sowie 210 Rinder weiden auf der hochalpinen Kirchbergalm im Ultental, die sich über 1.800 Hektar bis auf 3.000 Meter Seehöhe erstreckt. Noch sieht man vom Herdenschutz erst ein paar Holzpflöcke. In unmittelbarer Nähe der Schäferhütte auf 2.300 Metern Seehöhe wird demnächst ein 1,40 Meter hoher Holzzaun mit 400 Laufmetern errichtet. Der Holzzaun wird um einen von Strom durchflossenen Netzzaun auf zwei Meter Höhe aufgestockt. Kommt der Wolf, sollen die im weitläufigen Almgebiet verstreuten 700 Schafe und Ziegen zusammengetrieben werden und die Nächte sicher in diesem Pferch verbringen. Weiden Kälber in der Nähe, kommen diese in der Nacht ebenfalls in den Pferch. „Für einen kurzen Zeitraum kann das eine gute Verbesserung sein“, glaubt der Obmann der Alminteressentschaft, Paul Schwienbacher. Andere Herdenschutzmaßnahmen wie Schutzhunde seien in dem bei Radfahrern sehr beliebten Gebiet schwierig. Das tägliche Einpferchen hält Schwienbacher im hochalpinen Gelände weder für machbar noch für sinnvoll: „Da stürzen beim Zusammentreiben mehr Tiere ab, als vom Wolf gerissen werden.“

Dass Herdenschutz im alpinen Gebiet eine mehr als große Herausforderung ist, darüber sind sich alle einig. Und auch Südtirol steht erst am Anfang. „Einen wolfsfreien Alpenraum wird es nicht mehr geben. So ehrlich müssen wir sein“, begründet LR Schuler die Anstrengungen Südtirols. Diese zielen zum einen auf eine Änderung des Schutzstatus für große Beutegreifer sowie auf eine Regelung zur Entnahme ab. Während Österreich seit 2012 über einen Managementplan für große Beutegreifer verfügt, der unter bestimmten Voraussetzungen auch die Entnahme von „Problemtieren“ ermöglicht, musste Südtirol aufgrund des Fehlens einer nationalen Regelung zur Selbsthilfe greifen und ein eigenes Gesetz erlassen. Herdenschutz ist auch hier die Voraussetzung. 25 Förderanträge für Schutzmaßnahmen sind bislang in Südtirol eingegangen. 250.000 Euro wurden für Herdenschutzmaßnahmen budgetiert. Seit diesem Jahr wird die Errichtung von mobilen Schutzsystemen, sprich Zäunen, auf Almen mit bis zu 100 Prozent unterstützt.

Bild: Wolf-Foto. © N.N. (https://www.gipfelbuch.ch/data/images/max/20180829-072751-z423.jpg)