Schiara TitelbildAm langen Wochenende hin zum Augsburger Friedensfest veranstaltete unsere Bergsteigerabteilung eine Dolomitenfahrt mit mehreren Gruppen (Ausarbeitung & Organisation Klaus Limmer). Ziel der fünftägigen Fahrt war insbesondere das Schiara-Massiv im Nationalpark Belluneser Dolomiten. Als bergsteigerisches Highlight gibt es hier diverse klassische Klettersteige auf engstem Raum zu bezwingen. Außerdem erweist sich das einsame Gebiet als grandioses Natur- und Kulturparadies. Dazu im weiteren einige Erläuterungen.

Vorab das Zitat einer Teilnehmerin: „Die Verschiedenartigkeit unserer Touren und die blumige Vielfalt haben mich sehr begeistert. Diese Fahrt bekommt mindestens fünf Sterne in meiner Bergsteigergeschichte. Gemeinsam schafften wir Unvergessliches, gerade wegen Regen- und Schweißtropfen, Hagelkörnern und unendlich vielen Drahtseilmetern.“

Wegekultur
Die Klettersteige mit den schönen Namen Via ferrata Sperti, Berti, Marmol und Zacchi gehören mehr oder weniger zum sogenannten „Dolomiten-Höhenweg 1“ und liegen an dessen Ende, bevor es weiter hinab nach Venedig geht. Es existieren insgesamt zehn Dolomiten-Höhenwege, auf denen man die Dolomiten in ein bis drei Wochen durchqueren kann. Teile dieser Höhenwege wurden ab den 1950er Jahren mit militärischen Steigen zum Friedensweg verbunden, der die Südtiroler Dolomiten etwa von Sexten bis zum Stilfser Joch durchquert. Er folgt Befestigungs- und Nachschubwegen der Dolomitenfront (1915-1917) aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und hat neben bergsteigerischen Zwecken das Ziel, die mit dem Gruber-Degasperi-Abkommen überwundene Konfliktgeschichte zwischen Südtirol und Italien einer touristischen Friedenspolitik nutzbar zu machen.
Der zuerst angelegte „Dolomiten-Höhenweg 1“ verläuft an den Hauptkämmen der östlichen Dolomitengruppen entlang in Richtung Süden. Die Strecke führt durch die Berggruppen der Pragser Dolomiten, Fanesgruppe, Nuvolàu, Croda da Lago, Rochetta, Pelmo Civetta, Moiazza, Prampèr-Dolomiten und Schiara und bewegt sich auf einer Höhe zwischen 1.500 und 2.800 m durch alpines Gelände. Der Weg durchläuft dabei drei Sprachgebiete und die mit ihnen verbundenen Kulturen: Beginnend im deutschsprachigen Pustertal, verläuft er anschließend durch das ladinische Fanesgebiet. Die Sagen der Ladiner erzählen von Gipfeln, Orten und Namen, denen der Wanderer während der ersten Etappen des Höhenwegs begegnet. Südlich des Passo Falzàrego schließlich dominiert die italienische Sprache.

Die Klettersteige
In den 50er und 60er Jahren erbauten die italienischen Alpinisten in den wilden, zerrissenen Wänden und Schluchten des Schiara-Massivs die benannten Klettersteige sowie einige Biwakschachteln. Die Steige folgen immer dem natürlichen Routenverlauf in festem Fels über Rinnen, Bänder, Schluchten, Pfeiler, Grate und einigen Leitern auf den Kamm der Schiara-Gruppe mit den beiden Gipfeln Monte Schiara (2.565 m) und Monte Pelf (2.505 m) sowie der markanten Felssäule „Gusela del Vescova“. Bei klarem Wetter sieht man im Norden die anderen Dolomitengebiete und im Süden die Adria. Die Schwierigkeitsgrade reichen von KS A bis C, mitunter gibt es ungesicherte und recht ausgesetzte Passagen.
Mithin handelt es sich um „klassische Klettersteige“, welche dem Bergsteiger vornehmlich zur Überwindung von unwegsamem Gelände dienen (vgl. dazu den DAV-„Kriterienkatalog für die Errichtung von Klettersteigen“). Damit unterscheiden sie sich signifikant von den Neuerschließungen der letzten Jahre, bei denen weniger Berg und Natur, sondern mehr das Spektakel im Vordergrund steht (siehe dazu die kritische Publikation „Gipfel der Verdrahtung“ unserer Partnerorganisation Mountain Wilderness). Ausgangspunkt für unsere Klettersteigtouren in der Schiara war das Refugio 70 Alpini (1.502 m), siehe das Titelbild zum vorliegenden Beitrag. Eine einfache Unterkunft zwar, aber dafür mit landestypisch kulinarischer Klasse.
Nachstehend einige weitere Bildimpressionen:
Schiara Bild 1Schiara Bild 2Schiara Bild 3Schiara Bild 4Schiara Bild 5

Flora und Fauna
Die Abgelegenheit des Schiara-Gebiets jenseits touristischer Hochburgen und die naturverträgliche Anlage der Klettersteige bringen es mit sich, dass sich Pflanzen- und Tierwelt überall in ausgeprägter Schönheit und Vielfalt zeigen können. Dazu trägt auch die Wetterlage bei, denn oft staut sich die feuchte Meeresluft der nahegelegenen Adria an dieser ersten großen Erhebung der Alpen, so dass alles wunderbar wächst, gedeiht und blüht.
Auch hierzu einige Bildimpressionen:
Schiara Bild 6Schiara Bild 7


Schiara Bild 8Weiterführende Literatur

Titelbild: Blick auf das Refugio 70 Alpini und das Schiara-Massiv. Foto: Dr. Jochen Cantner

Bild 1 bis 8: Schiara-Bildimpressionen der DAV-Sektion Augsburg. Fotos: Dr. Jochen Cantner, Hanne Cornils, Dr. Franz Geist-Schell, Angelika Pieper-Bröhl, Thomas Sailer