WWF Lasst den Flüssen ihren LaufKnapp 57.000 Querbauwerke wie Abstürze, Wehre und Staudämme zerschneiden Bayerns Flüsse. Nur 11 Prozent dieser Barrieren sind frei durchgängig, können also problemlos von Fischen überwunden werden. Das ist das Ergebnis einer Mitte August vorgelegten Analyse des WWF Deutschland auf Basis von Daten des Bayerischen Landesamts für Umwelt.

Bei einer Gesamtlänge der vom WWF Deutschland analysierten Gewässer von rund 28.000 Kilometern blockiert damit rein rechnerisch alle 500 Meter eine Barriere den Weg der Fische sowie den Durchgang des Sediments in Form von Sand und Geröll. „Die bayerischen Flüsse leiden an Verstopfung, fließen kaum noch natürlich“, kritisiert Wolfgang Hug, Leiter des WWF-Büros in Bayern. „Und obwohl kein größerer Fluss in Bayern frei von Wasserkraft ist, sind trotzdem zahlreiche weitere Projekte in Planung.“ Der WWF fordert daher den konsequenten Schutz der letzten Wildflussabschnitte, den sofortigen Stopp des Neubaus von Wasserkraftwerken und stattdessen ein ambitioniertes „Rückbau-Programm“ für Barrieren. Ziel einer zukunftsgerichteten Flusspolitik müsse es sein, mehr frei fließende Flussabschnitte zu schaffen und Auenlebensräume wiederzubeleben.

Bayernweit sind nur 24 Flusskilometer in einem „sehr guten ökologischen Zustand“, was einem nahezu natürlichen Zustand entspricht. Und selbst diese werden nicht konsequent frei von Nutzung gehalten, wie die Planung eines neuen Wasserkraftwerks an der Saalach bei Schneizlreuth zeigt. Etwa 15 % der Flusssysteme sind in einem „guten ökologischen Zustand“. Alle anderen entsprechen nicht den Anforderungen des deutschen und europäischen Wasserschutzes – und das 20 Jahre nach Erlass der Wasserrahmenrichtlinie. Kritisch betrachtet der WWF daher das „Bayerische Aktionsprogramm Energie“. Die Staatsregierung forciert darin den Ausbau der Kleinwasserkraft – trotz geringer Stromausbeute. Gerade einmal 1,5 % des bayerischen Stroms werden derzeit von den rund 4000 Kleinwasserkraftwerken (Leistung < 1MW) erzeugt.

Vor allem für wandernde Fischarten wie Huchen, Barbe oder Aal wären die Ausbaupläne ein Fiasko. „Selbst der Einsatz innovativer Technik bringt nicht immer mehr Fischschutz, wie aktuelle Studien der TU München zeigen. Bei der Turbinenpassage werden Fische verletzt, amputiert oder getötet. Viele Flüsse werden dadurch zu No-Go-Areas für Fische“, warnt Hug. Aktuell werden laut Fischzustandsbericht 57 % der heimischen Fischarten in der Roten Liste Bayerns geführt. Langdistanz-Wanderer wie Stör oder Lachs sind im Freistaat bereits ausgestorben. Erst im Juli hatte der WWF eine Studie mit neuen, alarmierenden Zahlen veröffentlicht: Demnach sind seit 1970 Bestände wandernder Süßwasserfischarten weltweit um durchschnittlich 76 Prozent zurückgegangen – in Europa gar um 93 %.

Weitere negative Effekte der Kraftwerke und Barrieren im Fluss ergeben sich aus der verringerten Fließgeschwindigkeit bis hin zum Stillstand des Wassers vor Wehranlagen. Feinsedimente werden im Staubereich abgelagert. „Wenn die Flüsse nicht mehr fließen verlieren sie ihre Selbstreinigungskraft, außerdem sind Stauhaltungen insbesondere für strömungsliebende Arten nicht bewohnbar.“, so Hug. „Unterhalb des Staubereichs fehlt dann der Kies und damit die Fischlaichplätze sowie der Lebensraum für Kleinlebewesen.“ Zudem kann es an großen Stauhaltungen zu vermehrten Methan-Emissionen kommen, ein Gas, das 25-mal klimaschädlicher ist als Kohlenstoffdioxid. Außerdem gräbt sich der Fluss in den Untergrund, was zur Sohlenerosion und zur Eintiefung der Gewässersohle führt.

Auch wenn vielerorts Renaturierungen umgesetzt werden: Momentan ist Bayern weit davon entfernt, die Vorgaben zum Gewässer- und Auenschutz zu erfüllen. Besonders für die Flüsse der Alpen und des Alpenvorlandes trägt Bayern eine besondere Verantwortung: „Am Beispiel der oberen Isar lässt sich beobachten, wie ein Wehr verbunden mit einer Wasserableitung diese letzte großflächige Wildflusslandschaft verändert und sukzessive zum Verschwinden bringt.“

Hintergrundinformationen

Naturnahe Gewässerlandschaften und Auen gehören zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen Deutschlands. Der WWF arbeitet daher in zahlreichen Projekten in der ganzen Bundesrepublik an dem Erhalt und der Wiederherstellung dieser Ökosysteme, u.a. seit 2010 im engen Schulterschluss mit Behörden, Grundeigentümern und Interessensgruppen an der bayerischen Ammer. Datengrundlage der WWF-Analyse bilden die nach Wasserrahmenrichtlinie berichtspflichtigen Flüsse und Bäche mit einem Einzugsgebiet von mehr als 10 km2. Weitere Informationen finden sich im WWF-Hintergrundbericht „Lasst den Flüssen ihren Lauf“ unter: https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Analyse-Fliessgewaesser-Bayern.pdf

Die Vereinigung Wasserkraftwerke in Bayern (VWB) e.V. und der Landesverband Bayerischer Wasserkraftwerke eG (LVBW) üben indes scharfe Kritik an der WWF-Studie (vgl. https://www.wasserkraft-bayern.de/pdf/180_PM%20VWB%20und%20LVBW%20zur%20WWF%20Studie,%2021.08.20.pdf). Sie sei „ein auf falscher Interpretation von Tatsachen basierender Frontalangriff auf die für den Klimaschutz notwendige Wasserkraft-Technologie“:

  • „Von den 57.000 Querbauwerken befinden sich lediglich an 4.000 von ihnen Wasserkraftanlagen“, stellt Fritz Schweiger von der VWB „Das ist ein Bruchteil, und außerdem sind viele von ihnen in den vergangenen Jahren ökologisch verbessert worden. Dazu sind wir schon allein aufgrund strenger gesetzlicher Auflagen verpflichtet.“ Die Wasserkraftanlagen könnten somit nicht die alleinige Ursache für die vom WWF konstatierte mangelhafte Qualität und Durchgängigkeit von 85 Prozent der bayerischen Flussgewässer sein, so Schweiger. Rund 60 Prozent der Wasserkraftbetreiber, die Mitglied in den beiden Wasserkraftverbänden sind, haben in den vergangenen Jahren Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung der Standorte durchgeführt, zum Beispiel, indem sie Fischtreppen gebaut haben. Die übrigen Querbauwerke, immerhin rund 93 Prozent der Wehre in Bayern, befinden sich im Eigentum des Bayerischen Staates, fährt Schweiger fort. „Hier ist der Staat in der Verantwortung, für die Durchgängigkeit zu sorgen.“ Zudem wurden die Wehre nicht ohne Grund gebaut, sondern erfüllen wichtige Funktionen. Sie dienen beispielsweise dem Hochwasserschutz und der Grundwasserstabilisierung.
  • Auf einen weiteren Sachverhalt weist Hans-Peter Lang vom LVBW hin: „Es gibt sehr viele, sehr unterschiedliche Umgebungsbedingungen, die einen negativen Einfluss auf die Wasserqualität haben“. Als Beispiele nennt er die Begradigung von Flüssen, das Eintragen von diffusen Stoffen, Ausleitungen aus Kläranlagen und Reifenabrieb auf Straßen, die in Gewässer geschwemmt werden. Und nicht zuletzt verunreinigt und verstopft der Wohlstandsmüll, der achtlos weggeworfen wird, die Flüsse. „Man macht es sich sehr einfach, wenn man einfach nur den Wasserkraftanlagen die Schuld für alle Defizite in die Schuhe schiebt“, resümiert Lang. Zudem wurden kaum neue Anlagen im Zuge der Energiewende gebaut. Wenn sich die Zustände der Flüsse in den vergangenen Jahren, wie vom WWF konstatiert, deutlich verschlechtert haben, so könne es kaum an diesen bis zu 100 Jahren bestehenden Anlagen liegen. Denn im Jahr 1920 gab es noch rund dreimal so viele Wasserkraftanlagen wie heute.

Eine Problemlösung könnten technische Innovationen leisten. Hierzu gibt es nun einen vielversprechenden Ansatz, der von der Technischen Universität München (TUM) entwickelt wurde (vgl. dazu https://www.tum.de/nc/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/details/32332/):

  • Ein Team am Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft der TUM hat ein Wasserkraftwerk entwickelt, das die Natur deutlich stärker schont. Für den neuen Kraftwerkstyp, das sogenannte Schachtwasserkraftwerk, muss der Flusslauf nicht umgeleitet werden. Stattdessen wird vor einem Wehr ein Schacht ins Flussbett gebaut, in dem Turbine und Generator untergebracht werden. Das Wasser fließt in den Schacht, treibt die Turbine an und wird unter dem Wehr in den Fluss zurückgeleitet. Ein kleinerer Teil fließt über den Schacht und das Wehr hinweg.
  • Die Ingenieure haben es geschafft, die Strömung so zu steuern, dass das Kraftwerk effizient Strom erzeugt, aber gleichzeitig der Sog in den Schacht gering ist. Zahlreiche Untersuchungen an einem Prototyp haben gezeigt, dass die meisten Fische deshalb sicher über dem Schacht schwimmen. Mehr noch: Durch zwei Öffnungen im Wehr können sie gefahrlos flussabwärts wandern. Flussaufwärts gelangen sie über eine übliche Fischtreppe. Das Schachtkraftwerk hat neben dem Fischschutz einen weiteren Vorteil für die Gewässerökologie: Es ist auch für Geröll und Treibholz, die der Fluss mit sich führt, durchlässig. Die Bewegung und Ablagerung dieses „Geschiebes“ ist beispielsweise für Laichplätze wichtig. Ein Gitter, der sogenannte Rechen, der auf dem Schacht liegt, hält es von der Turbine ab. Dann wird es von der Anlage regelmäßig flussabwärts geschoben. Dafür wird ein Verschluss im Wehr geöffnet. Auf diese Weise kann auch Hochwasser abgelassen werden.
  • Der Prototyp wurde unlängst in praxi umgesetzt: Im bayerischen Fluss Loisach ist das weltweit erste Schachtwasserkraftwerk in Betrieb gegangen. Das Schachtkraftwerk eignet sich sowohl für unterschiedlich große Flüsse als auch für unterschiedliche Fallhöhen. Je nach Gewässergröße und Bedarf wird in mehreren Schächten nebeneinander Strom erzeugt, in der Loisach bei Großweil im Landkreis Garmisch-Partenkirchen sind es zwei, die Fallhöhe beträgt 2,5 Meter. Das Schachtkraftwerk erfüllt so strenge ökologische Kriterien, dass die erste Anlage in einem Natura-2000-Gebiet genehmigt werden konnte. In der Loisach wurden die Fischwanderwege durch den Bau sogar verbessert: Das Kraftwerk wurde von der Wasserkraft Großweil GmbH an einer bereits vorhandenen Rampe errichtet, die für Fische bislang nur schwer überwindbar war. Ein neues Wehr musste nicht gebaut werden. Die Anlage erzeugt Strom für rund 800 Haushalte und leistet so einen Beitrag für eine dezentrale Energieversorgung. Sie hat sich bereits seit dem Frühjahr am Netz bewährt, inklusive eines Hochwassers.

Bild: Cover Hintergrundbericht „Lasst den Flüssen ihren Lauf“. © WWF Deutschland