csm insektenatlas 2020 3e131055ffDie Umsetzung des bayerischen „Volksbegehren Artenvielfalt“, welches bekanntermaßen bereits Anfang 2019 initiierte wurde und dann im Laufe des Jahres auch mit Engagement unserer DAV-Sektion Augsburg erfolgreich durchgesetzt wurde, ist unter dem Titel „Volksbegehren Artenvielfalt Plus“ in vollem Gange. Es erfolgt gegenwärtig durch kooperativen Naturschutz im Rahmen des „Vertragsnaturschutzprogramms“. Gleichwohl ist dies erst ein Anfang. Denn das globale Insektensterben muss mit übergeordneter nachhaltiger Agrarpolitik verhindert werden. Hierzu stellen nun Heinrich-Böll-Stiftung und BUND einen „Insektenatlas“ zur Verfügung.

Beim bayerischen Vertragsnaturschutz sollen die Prämien insbesondere für Weidetierhalter, Bewirtschafter von Streuobstwiesen und Teichwirte wesentlich erhöht werden. Das betonte Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber die Tage in München: „Unser Vertragsnaturschutzprogramm startet 2020 mit erfreulichen Neuerungen für die mittlerweile über 20.000 teilnehmenden Bäuerinnen und Bauern. Wir setzen das Volksbegehren Plus zusammen mit den Bauern, Schäfern und Teichwirten um. Kooperation ist der Schlüssel zum Erfolg beim Artenschutz. Mit den erhöhten Prämien wird eine wirtschaftliche Zukunftsperspektive für Betriebe geschaffen, die mit der naturverträglichen Bewirtschaftung ihrer Flächen Verantwortung für den Erhalt der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft übernehmen.“

Allerdings stehen alle Änderungen der Fördermöglichkeiten unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch die EU-Kommission!

Vor diesem Hintergrund könnte als (weiterer) „Weckruf“ die aktuelle Publikation „Insektenatlas“, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dienlich sein. Der Atlas bietet auf über 50 Seiten und in über 80 Grafiken viele Daten und Fakten über die Nütz- und Schädlinge in der Landwirtschaft:

  • 75 Prozent unserer wichtigsten Kulturpflanzen sind von der Bestäubungsleistung von Insekten abhängig. Doch global verzeichnen Insektenpopulationen dramatische Rückgänge. So sind etwa bei der Hälfte der 561 Wildbienenarten in Deutschland die Populationen rückgängig. Insekten halten das ökologische System dieses Planeten am Laufen. So droht beim Wegfall tierischer Bestäubung einzelnen Obst- und Gemüsesorten wie Äpfeln, Kirschen, Pflaumen oder Gurken ein Ernterückgang von bis zu 90 Prozent. Insekten verbessern zudem durch das Zersetzen von Dung und abgestorbenen Pflanzenteilen die Bodenqualität und reduzieren Pflanzenschädlinge. So können dem Insektenatlas zufolge Marienkäfer den Befall mit Getreideblattläusen um 80 Prozent reduzieren.
  • Doch die intensive Landwirtschaft mit ihren Folgen zerstört die Lebensgrundlage von Insekten in immer größerem Ausmaß: Große, monotone Felder ohne Hecken oder Grüninseln sowie Kunstdünger und Pestizide vernichten Rückzugsgebiete von Nützlingen und fördern die Ausbreitung von Schädlingen.
  • Heinrich-Böll-Stiftung und BUND befürchten, dass die bislang von der Politik ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichen, um das Insektensterben zu beenden. Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung: „Der globale Schwund von Insekten ist dramatisch. Ursache Nummer 1 ist die industrielle Landwirtschaft: Weltweit treiben Monokulturen mit Energie- oder Futterpflanzen für unsere Massentierhaltung in Ländern wie Brasilien oder Indonesien die Entwaldung, monotone Agrarwüsten und den Pestizideinsatz massiv voran.“ Mit Blick auf die Agrarindustrie betont Unmüßig weiter: „Von industrieller Landwirtschaft profitieren nur die großen Agrarkonzerne – auf der Strecke bleiben Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, Konsumentinnen und Konsumenten und eben auch die Insekten. Die Politik muss endlich ihrer Verantwortung gerecht werden und umsteuern – in Europa und in den Handelsbeziehungen mit Drittländern.“ Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND, ergänzt: „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich einig, wie gravierend das fortschreitende Insektensterben ist. Doch politisch gehandelt wurde bisher kaum. Die Vorschläge der Bundesregierung im Insekten-Aktionsprogramm reichen nicht aus. Ohne einen Umbau der Landwirtschaft ist das Sterben von Schmetterlingen, Hummeln und Käfern nicht zu stoppen.“ Dabei müsse die Agrarpolitik die Betriebe unterstützen, weniger Pestizide einzusetzen, weniger Dünger auszubringen und mehr Lebensräume für Insekten zu schaffen. „Die Landwirtschaft muss beim Schutz der Insekten Teil der Lösung werden. Es braucht deshalb für Bäuerinnen und Bauern mehr Beratung und andere Fördermittel, aber es braucht auch klare gesetzliche Vorgaben, beispielsweise in Schutzgebieten“, so Bandt weiter. „Öffentliches Geld muss zum Schutz der Insekten eingesetzt werden. Die knapp 60 Milliarden Euro, die jährlich für Europas Landwirtschaft ausgegeben werden, müssen in der neuen Förderperiode an eine naturfreundliche, klimaschonende und tiergerechte Landwirtschaft gebunden werden.“

Weitere Informationen:

Bild: Cover Insektenatlas. © Heinrich-Böll-Stiftung und vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)