Bild aus BMU Broschüre Wo die Natur sich selbst gehörtDas Bundesumweltministerium hat ein neues Förderprogramm zur Sicherung von „Wildnisgebieten“ in Deutschland gestartet. Auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands soll sich die Natur nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und möglichst großflächig entwickeln. Damit dient der „Wildnisfonds“ der Umsetzung der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ und dem darin formulierten 2-Prozent-Wildnisziel. Der neue Fonds soll die Möglichkeit eröffnen, potenzielle Wildnisgebiete zu sichern bzw. bestehende Gebiete zu ergänzen und zusammenzulegen. Daneben gibt es eine Vielzahl an Initiativen, insbesondere auch im Wirkungsbereich des DAV.

Sogenannte „Wildnisgebiete“, in denen Natur wirklich Natur sein darf, sind selten in Deutschland. Schon seit Jahrhunderten wird nahezu die gesamte Landfläche für Siedlung, Gewerbe, Verkehr, Land- und Forstwirtschaft genutzt. Vom Menschen kaum beeinflusste Gebiete sind daher nur noch in Fragmenten vorhanden, die für Wildnisgebiete typische natürliche Dynamik in der Landschaft wurde zurückgedrängt. Um die natürlichen Prozesse der Lebensraumdynamik wieder zu aktivieren, sollen bis zum Jahr 2020 mindestens zwei Prozent der Landesfläche einer von menschlichen Nutzungen freien Entwicklung überlassen werden. Dies entspricht etwa einer Fläche von 714.000 Hektar.

Dauerhaft gesicherte Wildnisgebiete im Sinne der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NSB)“ liegen derzeit vor allem in den Kernzonen der Nationalparke, in Teilen der Flächen des Nationalen Naturerbes sowie in einigen großflächigen Naturschutzgebieten. Eine erste Schätzung geht davon aus, dass derzeit damit etwa 0,6 Prozent der Landesfläche für die großflächige Wildnisentwicklung gesichert sind. Darüber hinaus finden sich in der NBS eine ganze Reihe von weiteren Zielbereichen, die ebenfalls in den Kontext Wildnis gehören, so Wälder, Auen, Moore, Küsten und insbesondere auch das Hochgebirge. Sowohl große Gebiete im Sinne des 2-Prozent-Ziels als auch kleinere Flächen, beispielsweise im Wald, leisten wertvolle Beiträge zu einzelnen Wildnis-Zielen der NBS.

Mit dem neuen „Wildnisfonds“ unterstützt das Bundesumweltministerium (BMU) nun die Bundesländer dabei, Wildnisgebiete zu sichern und zu schaffen. Flächen, die für die Wildnisentwicklung gesichert werden, sind beim Ankauf, Eintausch oder als Austausch für einen dauerhaften Nutzungsverzicht förderfähig. Die Förderung ist auf den Verkehrswert der Fläche begrenzt, der Finanzierungsanteil des Bundes beträgt bis zu 100 Prozent. Beginnend mit diesem Jahr werden in den kommenden Jahren jeweils 10 Millionen in einem eigenen Titel Wildnisfonds im Haushalt des BMU zur Verfügung stehen. Projektträgerin ist die „Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG)“, eine bundeseigene Dienstleistungs-GmbH zur Förderung von Umwelt-, Natur- und Klimaschutz.

Warum brauchen wir mehr Wildnis in Deutschland?

  • Große Gebiete, in denen sich die Natur gemäß ihren Gesetzmäßigkeiten entwickeln kann, sind unverzichtbar für den Schutz der biologischen Vielfalt. Viele Arten brauchen ungestörte Rückzugsräume mit hohem Strukturreichtum, die sie nur in großen, ungestörten Gebieten vorfinden. Darüber hinaus ist der genetische Austausch und das Ablaufen evolutiver Prozesse, die beispielsweise für die Anpassung an den Klimawandel wichtig sind, fast nur noch in Wildnisgebieten möglich.
  • In Wildnisgebieten können wir viel von der Natur lernen: Hier können wir erforschen, wie sich vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Gebiete beispielsweise in Zeiten des Klimawandels verhalten und so Erkenntnisse für Management oder Bewirtschaftung gewinnen.
  • Es ergeben sich Synergien beim Klima- oder beim Hochwasserschutz: Intakte, „wilde“ Moore sind Hotspots der biologischen Vielfalt ebenso wie effektive Kohlendioxidsenken. Natürliche Auen können Wasser und Nährstoffe zurückhalten, somit ergeben sich Synergien zwischen Natur-, Hochwasser- und Gewässerschutz.

Detaillierte Informationen unter: https://www.bmu.de/themen/natur-biologische-vielfalt-arten/naturschutz-biologische-vielfalt/wildnis/

Weitere Initiativen

In diesem Zusammenhang sei auch auf unsere Partnerorganisation „Mountain Wilderness Deutschland (MW)“ hingewiesen. MW setzt sich für den Erhalt der letzten vitalen Wildnisgebiete der deutschen Alpen und Bergregionen ein. Neben themenbezogenen Projektierungen gehören hierzu gezielte PR-Aktionen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Auf der vor kurzem stattgefundenen Mitgliederversammlung wurde beschlossen, dass im kommenden Herbst und Winter Aktionen zum geplanten Bergbahnausbau am Grünten und dem wohl 2020 drohenden Skigebietszusammenschluss Sölden-Pitzal unternommen werden. Vgl. dazu https://www.mountainwilderness.de/

  • Bei letzterem, dem Skigebietszusammenschluss Sölden-Pitzal, ist bereits der DAV-Bundesverband zusammen mit dem ÖAV aktiv. Am 1. Juli 2019 wurde eine unmissverständliche Stellungnahme abgegeben. Das erklärte Ziel in dieser Sache: ein Stopp des Bauvorhabens. Vgl. dazu detailliert: https://www.alpenverein.de/natur/zusammenschluss-pitztal-oetztal-geht-in-die-verhandlung_aid_33693.html
  • Speziell für den Bergbahnausbau am Grünten bildet sich aktuell eine Bürgerinitiative „Rettet den Grünten“, wobei als Unterstützer auch unsere Partnerorganisation „Freundeskreis Riedbergerhorn“ angefragt wurde, welche sich bereits erfolgreich gegen die Skischaukel am Riedbergerhorn und die Änderung des Alpenplans eingesetzt hat. An vorderster Front steht unser Partner Bund Naturschutz in Bayern e.V., dessen Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu ein Positionspapier gegen den Ausbau erstellt hat. Vgl. hierzu nochmals unsere Newsmeldung vom 17.6.2019: https://www.dav-augsburg.de/aav/verein-berichte/1152-neuerschliessung-am-gruenten
  • In diesem Zusammenhang kann auch über eine weitere erfolgreiche Initiative berichtet werden: Knapp zwei Wochen lang hatten Bund Naturschutz Bayern e.V. und der Kreisfischereiverein Füssen Unterschriften gesammelt für das Bürgerbegehren gegen ein Luxushotel am Füssener Forggenseeufer. Jetzt haben die Initiatoren laut einer Pressemitteilung 1.777 Unterschriften an die Stadt Füssen übergeben, was ausreicht, um einen Bürgerentscheid zu initiieren. Vgl. hierzu nochmals unsere Newsmeldung vom 23.6.2019: https://www.dav-augsburg.de/aav/verein-berichte/1153-urlaubslandschaft-im-allgaeu-in-gefahr

Bild: Aus der BMU-Broschüre „Wo die Natur sich selbst gehört“, S. 23, Ausschnitt, Blaueisgletscher im Nationalpark Berchtesgaden. © BMU