150aDAV TitelbildVor bald 150 Jahren, nämlich am 8. Juli 1869, gründeten der Augsburger Buchhändler Theodor Lampart und Friedrich Schenkenhofer mit 56 weiteren Herren der gehobenen Gesellschaft die Sektion Augsburg des Deutschen Alpenvereins. Zunächst als Interessengemeinschaft mit der Intention, die Kenntnis der Alpen zu erweitern und zu verbreiten, entwickelte sich der Verein weiter zum Bergsport- und dann auch zum Naturschutzverband. Gerade letztere Ausprägung gewinnt in zunehmendem Maße an Bedeutung.

Klimawandel, weitergehende Erschließungen von Naturräumen und nunmehr befürchteter Massentourismus durch individuelle Aufstiegshilfen, sprich das E-Bike. Unsere schönen Alpen geraten immer mächtiger unter Druck und entsprechend ist der Alpenverein gefordert – jetzt! Mit 1,3 Millionen Mitgliedern sind wir nicht nur der größte Bergsportverband der Welt, sondern auch die größte Naturschutzorganisation in Deutschland.

150aDAV Bild 1Als sich der DAV vor 150 Jahren formierte – Augsburg war eine der über 20 Gründersektionen –, stand das Bergsportliche im Vordergrund. Zwar wurde schon frühzeitig der Natur- und Umweltschutzgedanke in den Leitbildern des Vereins verankert, so in den „Nürnberger Leitsätzen“ von 1919 und später dann als inhaltliche Erweiterung in der Vereinssatzung. Aber in den alpinen Natur- und Kulturlandschaften von damals war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Das wandelte sich indes sukzessive, als der Alpentourismus Anfang der 1920er Jahre keimte und nach dem Krieg erblühte. Weitreichende Erschließungen und Infrastrukturmaßnahmen waren die Folge – Wege, Straßen und Autobahnen, Pfade, Eisensteige und Trails, Herbergen, Hotels und Bettenburgen, Seilbahnen, Lifte und Pisten, etc.

Und heutzutage wird der Alpenraum nicht nur vom regionalen, sondern vom weltweiten Produktions- und Konsumptionsgebaren determiniert. Sind doch die Klimagase CO2 & Co sowie die damit verbundenen Probleme globaler Natur. Die hauptverantwortlichen Sektoren lauten Energie, Verkehr, Gebäude- und Agrarwirtschaft. Gerade im Hochgebirge können wir die Folgen des Klimawandels unmittelbar erleben: Gletscherschmelze und abtauender Permafrost. Frühere Erstbegehungen finden immer öfter Pendants in Letztbegehungen. Vergangenen Sommer machte gar die Schlagzeile „Heißzeit“ die Runde.

Der DAV als Naturschutzverband

Der DAV hat darauf beizeiten reagiert. Seit 1977 gibt es ein Grundsatzprogramm zum Naturschutz, mittlerweile in der dritten Auflage. Im Jahr 1984 avancierte der DAV zum anerkannten Naturschutzverband in Bayern, 2005 dann auf Bundesebene. Zudem wird versucht, die Natur- und Umweltschutzarbeit in den über 350 Sektionen zu befördern, so mittels geeigneter Informationen, Lehrmaterialien und integrativer Ausbildung der Bergsporttrainer. Zudem dezidiert mithilfe der Institution des „DAV-Naturschutzreferenten“, der in manchen Sektionen sogar auf Vorstandsebene angesiedelt ist, wie auch seit einiger Zeit bei uns in Augsburg. Diese Referenten haben die Aufgabe, in einer Querschnittsfunktion die DAV-Naturschutzziele in der Sektion zu etablieren und zu verbreiten.

150aDAV Bild 6aAuf der bundesweiten DAV-Naturschutztagung, die turnusmäßig alle zwei Jahre abgehalten wird und letztens im Oktober 2018 in Dresden stattfand, kam man nun zu der Überzeugung, dass die immer drängenderen Natur- und Umweltprobleme in ihrer regionalen aber auch globalen Erscheinungsform einer forcierteren Herangehensweise bedürfen. In der Podiumsdiskussion und den Abschluss-Plädoyers der Tagung wurden insbesondere folgende zentrale Botschaften formuliert, um den Naturschutzgedanken innerhalb und außerhalb des Vereins weiter voranzubringen:

 

                   „Der DAV muss politischer werden.
                    Der DAV muss frecher werden.
                    Der DAV muss über den Tellerrand schauen.“

Ernsthafte Bemühungen in diesem Sinne haben unlängst die großen DAV-Sektionen Oberland und München sowie die Jugend des Deutschen Alpenvereins JDAV unternommen. Unter der Ägide der alteingesessenen DAV-Partnerorganisation „Verein zum Schutz der Bergwelt e.V. (VzSB)“ wurde das Symposium „Klimawandel! Statt verdrängen – dagegen Steuern!“ abgehalten. In der Ankündigung hieß es: „Die Alpen sind das Fieberthermometer des Klimawandels – insofern ist uns vom Verein zum Schutz der Bergwelt die Diagnose des Weltklimarats vom Anfang Oktober dieses Jahres bei der Vorstellung des Sonderberichts zum 1,5°-Ziel nicht neu: Jetzt helfen nur noch radikale Maßnahmen!“

150aDAV Bild 2Verständlicherweise war dann der Festsaal im Alpinen Museum am 29. November 2018 bis auf den letzten Platz besetzt. Vier Impulsreferate brachten die aktuelle Situation von Klimawandel und politischer Diskussion auf den Punkt, allen voran Rudolf Erlacher (Geschäftsführender Vorsitzender des VzSB und DAV-Vizepräsident) zum ungebremsten und verheerenden CO2-Anstieg und Dr. Max Franks (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) zur Erforderlichkeit einer CO2-Bepreisung mittels einer umfassenden Klimasteuer. In der anschließenden Podiums- und Publikumsdiskussion ging es um den individuellen Handlungsspielraum beim Klimaschutz und den Bildungsauftrag von Alpenverein und Schule, zudem um die Verantwortung von NGOs, Unternehmen und der Politik – und das wenige Tage vor der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz, welche dann weitgehend erfolglos blieb. Der VzSB möchte nun einen Arbeitskreis zum Klimawandel einrichten. Forderungsschreiben in Sachen Klimasteuer wurden an bekannte Politikgrößen adressiert. Da unsere Politiker ohnmächtig oder unwillig zu sein scheinen, auf die schwerwiegenden Bedrohungen für unsere Erde entsprechend zu reagieren, werden Aktionen aus der „Graswurzelbewegung“, sprich den Basisinitiativen aus der Bevölkerung, immer wichtiger. Mittlerweile geht auch die Jugend auf die Straße, Stichwort „Fridays for Future“, d.h. Schülerstreiks für Klimaschutz.

Der DAV muss Flagge zeigen!

Insofern ist der DAV als eine solche basale Interessenvertretung und besonders in seiner Funktion als Naturschutzverband jetzt dazu aufgerufen, anstelle lediglich zu reagieren nunmehr gesamthaft zu agieren!

150aDAV Bild 3Dabei erscheint das Jahr 2019 als ein geeigneter Startpunkt für diese Mission. Nicht nur, dass unser Verein in diesem Jahr sein 150-jähriges Jubiläum begeht. Es ist auch das 250-ste Jubiläumsjahr von Alexander von Humboldt, dem berühmten Wissenschaftler, Weltbürger und Revolutionär. Wie kein anderer prägte er unser Verständnis von der Natur als lebendiges Ganzes, als Kosmos, in dem alles miteinander verbunden ist. Und er warnte als erster Wissenschaftler vor den dramatisch Folgen des vom Menschen verursachten Klimawandels, gleichwohl es sich damals noch um ein eher regionales Problem infolge kolonialer Plantagenmisswirtschaft handelte.

Einen Auftakt zu einem verstärkten Verständnis als Naturschutzverband hat der DAV bereits mit der benannten Naturschutztagung in Dresden sowie im Rahmen des Klimawandel-Symposiums des VzSB geleistet. Hinzu kam ganz am Ende des letzten Jahres noch das DAV-MTB-Fachsymposium, welches das mehrjährige Lenkungsprojekt „Bergsport Mountainbike – nachhaltig in die Zukunft“, im Auftrag des Bayerischen Umweltministeriums einleitete. Dabei gab es neben aufschlussreichen Impulsvorträgen von Fachexperten diverse Foren zu den Einzelthemen „Umwelt und Naturschutz“, „Recht, Infrastruktur und Lenkung“, „E-Mountainbike“, „Kommunikation“ und „Denkfabrik Zukunft“.

150aDAV Bild 6bIn kleineren Arbeitsgruppen wurden die spezifischen Problemstellungen erörtert und mögliche Lösungsansätze skizziert. Besonders interessant wurde es dann aber in der anschließenden Podiums- und Publikumsdiskussion, wo die Ergebnisse der Fachforen bewertet und kommentiert wurden. Die mitunter hitzige Debatte zeigte auf, dass gangbare Lösungsansätze noch nicht spruchreif sind. Deutlich wurde aber, dass der DAV auf Kooperationslösungen setzt, die natürlich Kompromisse erfordern, aber weithin hohe Akzeptanz versprechen. Gewisse Vorbildlösungen existieren insbesondere in der Schweiz. Zudem gibt es bereits ein zieldienliches DAV-MTB-Positionspapier aus dem Jahre 2015. In Hinblick speziell auf die E-Bike-Problematik wurde auf der DAV-Hauptversammlung 2018 mit 71 % der der abgegebenen Stimmen beschlossen, einen Appell an die Sektionen zu richten, das Aufladen von E-Bike-Akkus auf DAV-Hütten zu untersagen. Zu beachten gilt aber, dass das Thema „Radfahren in den Bergen“ in starkem Maße von den Meta-Themen „Verkehrswende“ und „Energiewende“ (Stichwort „Umweltfreundliche Mobilität“) bestimmt wird und somit eine Binnensicht nicht erfolgversprechend scheint. Man darf daher gespannt sein auf den Fortgang des genannten Mountainbike-Projektes und weitere Fachveranstaltungen. Allerdings: Die Zeit drängt!

Weitere Aktionen und Themen folgen nun im Jubiläumsjahr. Ein Schwerpunkt im Rahmen der DAV-Werkstatt „Entwicklung3, welche bereits Mitte Februar 2019 in Leipzig stattfand und einem breiteren Publikum zugänglich war, umfasste den Themenkomplex „Nachhaltigkeit“. Beleuchtet wurden die Aspekte „Das richtige Maß im Bergsport“, „Nachhaltiger (Berg)Tourismus“ und „Kernproblem weite Anreise“. Weiterführendes findet sich im Veranstaltungskalender des DAV-Bundesverbandes, so insbesondere die Vortragsreihe „Die Alpen. Der gefährdete Traum“, welche in München von Mai bis Juli besucht werden kann.

Die Naturschutzarbeit in unserer DAV-Sektion Augsburg

Erfreulicherweise gehört nun auch die Sektion Augsburg zu den „Protagonisten“ der forcierten Naturschutzbewegung im DAV. Durch die Verankerung des „DAV-Naturschutzreferenten“ auf Vorstandsebene konnte insbesondere in der Grundlagenarbeit – sprich der Vernetzung mit anderen Naturschutzorganisationen und -partnern auf regionaler und überregionaler Ebene – das erforderliche Durchsetzungsvermögen sowie Glaubwürdigkeit und Vertrauen gestärkt werden. Mittlerweile werden wir sowohl innerhalb als auch außerhalb des DAV als ernstzunehmender „Player“ bei der Naturschutzarbeit wahrgenommen.

150aDAV Bild 4Zu unseren Kooperationspartnern, mit denen wir zum Teil in gegenseitiger Mitgliedschaft verbunden sind, gehören im regionalen Bereich vor allem die Mitglieder des Netzwerks Augsburg für Naturschutz und Umweltbildung NANU! e.V. und der Augsburger Naturschutz- und der Lechallianz. Im überregionalen Bereich sind insbesondere zu nennen DAV-Bundesverband & -Sektionen, Verein zum Schutz der Bergwelt e.V., Freundeskreis Riedberger Horn, Mountain Wilderness Deutschland e.V., Bayerische Klima-Allianz und Landesamt für Umwelt. Wir unterstützen uns durch gegenseitigen Know-how-Austausch und bei der Weiter- und Fortbildung in den Bereichen Natur, Umwelt, Kultur. Hinzu kommt die gemeinschaftliche Beförderung unserer Anliegen im politischen Umfeld. Bekannte Beispiele hierzu sind unsere Beteiligungen bei den DAV-Positionierungen gegen die einstmals geplante Skischaukel am Riedberger Horn an der südlichen Grenze unseres Sektionsgebiets, gegen die aktuellen Ausbaupläne der dort bestehenden Skianlagen und für die Wiederherstellung des sogenannten Alpenplans zum Schutz der alpinen Naturräume. Dazu gehören auch gemeinsame Natur- und Umweltaktionen, so etwa die Beteiligung unserer Sektion an der naturgewidmeten Bergandacht des Freundeskreises Riedberger Horn oder am Protest-Sternmarsch inklusive Abfallsammlung auf die Zugspitze seitens Mountain Wilderness. Im regionalen Bereich kooperieren wir gegenwärtig mit der Augsburger Naturschutzallianz zur Durchsetzung der vollständigen Unterschutzstellung der Augsburger Flugplatzheide, einem ökologisch besonders wertvollen Gebiet. Die jüngste Gemeinschaftsaktion war das Engagement der DAV-Sektion Augsburg beim vielbeachteten „Volksbegehren Artenvielfalt“, bei dem wir uns als lokaler Bündnispartner und regionaler Unterstützer im Aktionskreis Augsburg fungierten – und das mit großem Erfolg!

150aDAV Bild 6cInnerhalb der Sektion berichten wir als Ressort „Natur, Umwelt, Kultur“ über diese Themen und andere aktuelle Begebenheiten aus den Bereichen Natur, Umwelt, Kultur kontinuierlich per Newsmeldungen auf der Vereins-Homepage (siehe www.dav-augsburg.de/natur-kultur) sowie in Form von Fachbeiträgen und Kurzmeldungen in der Sektionszeitschrift alpenblick. Um eine unmittelbare Verknüpfung mit den bergsportlichen Aktivitäten in der Sektion zu erreichen, wurden im Sommer vergangenen Jahres „Besondere Touren“ erfolgreich erprobt, bei denen Bergsport und Natur-, Umwelt- und Kulturfachliches in Kombination angeboten werden. In 2019 erfolgt daher eine Fortsetzung in Form regulärer Sektionstouren (NATour, UMWELTour und KULTour). Darüber hinaus wurden die bislang bergsport-orientierten Theorieabende im Burggrafenturm um eine entsprechende Vortragsreihe ergänzt, so etwa mit den Themen „Ökologie und Ökonomie – Vereinbarkeit der Naturschutz- und der Bergsportziele des DAV“, „Der Lech – Alpenfluss der DAV-Sektion Augsburg“ und „Klettern und Naturschutz“.

150aDAV Bild 5Des Weiteren setzen wir uns für unsere sektionseignen Belange tatkräftig ein. So streben wir derzeit an, unser neues DAV-Kletterzentrum, bereits bautechnisch ein Vorbild hinsichtlich Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, in Hinblick auf eine verkehrstechnisch umweltfreundliche Erreichbarkeit zu optimieren (sprich Fahrradparkhaus und E-Ladestationen in Verbindung mit einem verbesserten Radwegenetz). Für unseren Alpengarten in den Tannheimer Bergen, direkt gegenüber unserer Otto-Mayr-Hütte, beabsichtigen wir eine Kooperation mit anderen Gärten, so insbesondere mit dem Alpenpflanzgarten auf dem Schachen und am Zahmen Kaiser, um im Verbund die Besucherattraktion und die fachgerechte Pflege zu meistern.

In der Zukunft sollen alle benannten Aktivitäten gesteigert und weiter ausgebaut werden. Dies gilt gerade auch vor dem Hintergrund, dass unsere Sektion mit rund 15.000 Mitgliedern mittlerweile zu den „Großen“ gehört und das neue Kletterzentrum bzw. das damit verbundene „Landesleistungszentrum Sport- und Wettkampfklettern“ weiteren Zuwachs verspricht. Bergsport & Naturschutz, unsere beiden Vereinsziele, müssen in einem ausgewogenen und möglichst synergetischen Verhältnis stehen. Dazu trägt auch bei, dass die Arbeit des DAV-Naturschutzreferenten in einer Querschnittfunktion mit Ausstrahlung hinein in alle unsere Sportabteilungen und -gruppen (in Augsburg derzeit 10 zzgl. JDAV) geleistet wird.

Über Anregungen, Wünsche oder aktive Beteiligung bei der Naturschutzarbeit in unserer Sektion würden wir uns sehr freuen.

150aDAV Bild 6Mit bergsportlichen und gleichsam naturverbundenen Grüßen
Ihr/Euer DAV-Naturschutzreferent Dr. Jochen Cantner & Team
Vorstand / Beisitzer Natur, Umwelt, Kultur
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Titelbild: Steht die DAV-Flagge bald stramm im Wind?! © DAV Archiv

Bild 1: Plakat von Handel-Mazzetti, Gastraum Hochlandhütte (Karwendel). © DAV Archiv

Bild 2: Podiumsdiskussion, DAV-Naturschutztagung 2018. Foto: Dr. Jochen Cantner

Bild 3: Klimasymposium des VzSB 2018. Foto: Dr. Jochen Cantner

Bild 4: 150 Jahre DAV – Emblem Sektion Augsburg. © DAV Archiv

Bild 5: DAV-MTB-Fachsymposium 2018. Foto: Dr. Jochen Cantner

Bild 6: Idylle am Riedberger Horn. Foto: Dr. Jochen Cantner

Bild 7: Theorieabend im Burggrafenturm 2019. Foto: Dr. Jochen Cantner

Bild 8: DAV-Augsburg bei der NATour 2018 im Alpengarten. Foto: Reinhard Mayer