FridaysForFuture protest BerlinDie „Fridays for Future“, sprich die regelmäßigen und weltweiten Schüleraktionen zum Klima- und Umweltschutz, sind in aller Munde – kaum einer, der keine Meinung dazu hätte. Manche Schulen verbieten, manche erlauben, die Kanzlerin und andere Politiker loben sie, und mittendrin sind die Schülerinnen und Schüler, die zu Tausenden auf die Straße gehen, um für Nachhaltigkeit und einen anderen Umgang mit dem Klimawandel zu demonstrieren.

Vorbild dieser Bewegung ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die seit August 2018 jeden Freitag die Schule „bestreikt“ und dies solange fortsetzen möchte, bis Schweden das Übereinkommen der Klimakonferenz von Paris aus dem Jahre 2015 einhält. In Deutschland sind diese Streiks unter „Fridays for Future“ bekannt geworden. Auch JDAV-ler sind hier beteiligt, wie man den einschlägigen Foren entnehmen kann.

Kritiker indes bemängeln das Abhalten der Streiks während der Schulzeit. Dies sei nicht in Ordnung, da für die Schüler die Schulpflicht gelte. Auch gab es jüngst die Aussage, dass Schüler lieber nicht für den Klimaschutz demonstrieren sollten, „weil sie von komplizierten Zusammenhängen noch nichts verstehen“. Befürworter und Anhänger der Bewegung rechtfertigen die Schulstreiks damit, dass es unsinnig sei, für eine Zukunft zu lernen, die ohne klimapolitische Veränderungen ohnehin nicht eintreten würde. Laut DeutschlandTrend, einer Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des „ARD-Morgenmagazin“, finden es 55 Prozent der Bürgerinnen und Bürger richtig, wenn Schülerinnen und Schüler für die Fridays for Future-Demo freitags dem Unterricht fernbleiben. 42 Prozent der Befragten sind gegenteiliger Meinung. Befragt wurden vom 19. März bis 20. März 1.041 Wahlberechtigte.

Wissenschaftlich fundiert aber konnte man bisher wenig zu den streikenden Schülerinnen und Schülern und ihrer Motivation sagen. Für Wissenschaftler ist es manchmal nicht einfach, am tagesaktuellen Geschehen dranzubleiben. Forschung benötigt Vorlauf, die Vorbereitung einer Studie erfordert oft lange, harte Arbeit. So fällt es gelegentlich auch den in der Öffentlichkeit gefragten Experten unter den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern schwer, auf jüngste Entwicklungen mit fundierten Einschätzungen und Empfehlungen zu reagieren. Da ist es ein seltener Glücksfall, wenn ein bereits angelaufendes Projekt gut zu einem gerade ganz aktuellen Thema passt und auch noch Freiheitsgrade vorhanden sind, um flexibel zu reagieren.

So geschehen mit einem Projekt des Konstanzer Soziologen und Organisationsforschers Sebastian Koos. Er untersucht in seinem von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Projekts „Our Common Future: Warum engagieren sich Menschen für Nachhaltigkeit?“. In diesem Projekt erstellen Wissenschaftler, Studierende, Schülerinnen und Schüler gemeinsam Umfragen, die untersuchen, wie junge Menschen zu nachhaltigem Kleidungs- und Nahrungsmittelkonsum stehen und sich für Nachhaltigkeit engagieren.

Speziell für die Fridays-for-Future-Bewegung wurden Schülerinnen und Schüler direkt während eines Streiks befragt. Am 15. März 2019 kam es zur bisher größten Kundgebung in Konstanz. Bis zu 2.000 Schülerinnen und Schüler vorwiegend der Gymnasien, aber auch der Real-, Gemeinschafts- und Waldorfschulen, dazu zahlreiche Studierende gingen in der Konstanzer Innenstadt auf die Straße. 145 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden im Rahmen der ad-hoc-Studie befragt.

Die Ergebnisse zeigen: Die Demonstrierenden sind engagiert, informieren sich und wollen etwas bewegen. Insbesondere der oft gehörte Vorwurf, die gute Sache sei nur ein Deckmantel für massenhaftes Schulschwänzen, findet sich in der Umfrage nicht bestätigt: Über 95% der Befragten waren der Meinung, ihr Engagement könne etwas verändern – aber nur jeder Zehnte fand auch, es sei außerdem eine gute Gelegenheit zum Schwänzen. Die große Mehrheit (83%) verpasste zwar Unterricht, aber das war für sie ebenso zweitrangig wie das Teilnahmeverbot durch die Schule, das immerhin fast die Hälfte der Demonstrierenden betraf. Die Schülerinnen und Schüler sind sogar bereit, Sanktionen wie Nachsitzen in Kauf zu nehmen, mit denen mehr als ein Drittel der Befragten durchaus rechnete.

Woher kommt diese Bereitschaft, dieser Einsatz? Sebastian Koos erklärt es sich so: „Das Fundament ist da: Schülerinnen und Schüler sind heute gut informiert, an Nachhaltigkeitsthemen interessiert und über den Zustand der Welt empört. Ein großer Teil der Befragten sagt, sie hätten sich auch schon vor Beginn der Bewegung mit dem Klimawandel auseinandergesetzt. Viele waren bereits politisch engagiert, hatten etwa schon an einer Demonstration oder Petition teilgenommen. Es brauchte nur ein Vorbild wie die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg und eine wirksame Protestform: den Schulstreik. Der „Greta-Effekt“, die Überzeugung, dass das eigene Engagement etwas bewirken kann, ist dann ein wichtiges Motiv für die Teilnahme am Schulstreik. Außerdem bekommen die jungen Leute viel Rückendeckung von ihren Eltern und trotz offizieller Verbote sogar von zahlreichen Lehrern. Unsere Umfrage zeigt, dass die Mobilisierung vor allem in der Schule (45%), über Freunde (60%) und über Aufrufe in sozialen Netzwerken (75%) geschieht.“

Ergebnisse der Befragung im Detail: https://www.polver.uni-konstanz.de/typo3temp/secure_downloads/76022/0/58a250fdcaa17908802ecd224888167792393a82/Ergebnisse_FfF_Befragung_Konstanz.pdf

Weitere Befragungen im Rahmen der Studie sollen beim angekündigten „Fridays for Future“-Schulstreik am 29. März 2019 erfolgen.

Vgl. in diesem Zusammenhang auch nochmals unsere Newsmeldungen

Bild: FridaysForFuture Kundgebung im Invalidenpark in Berlin am 22. März 2019. © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FridaysForFuture_protest_Berlin_22-03-2019_45.jpg